Von den Rechtssachen eines Christenmenschen

Der Christ lebt naturgemäss in einem Spannungsfeld zwischen gefallener Welt und himmlischem Frieden. Nie wird dies wohl sichtbarer als in Konflikten. Diese werden in einer zivilisierten Gesellschaft häufig auf rechtstaatlicher Ebene ausgetragen, welche an die Stelle von Selbstjustiz tritt. Umso problematischer ist in diesem Lichte die Zurückhaltung vieler Christen, weltliche Behörden zur Rechtsdurchsetzung in Anspruch zu nehmen. Ein Plädoyer für ein wehrhaftes Christentum, das Stress abbaut und Bitterkeit vorbeugt – auch der eigenen Seele zuliebe.

Häufig äussern sich manche Christen dahingehend, aus ihrer Sicht sei es verwerflich, vor ein weltliches Gericht zu gehen. Schliesslich lehre uns Jesus, die andere Wange hinzuhalten, jedermann zu vergeben sowie nicht über andere Menschen zu urteilen, da Gott der alleinige Richter sei. Es ist nicht bloss berufliches Interesse des Autors dieser Zeilen, welches ihn entschieden widersprechen lässt. Natürlich: Rechtsbeistand kostet und häufig wird man, wenn man nicht wie der Schreibende über eine juristische Bildung verfügt, nur bei „grösseren Geschichten“ aktiv werden und sich nicht einfach „aus Prinzip“ zur Wehr setzen. Dies ist nachvollziehbar. Problematisch an vorher präsentierten Argumenten ist ja primär, dass sie allzu einseitig sind und völlig ausser Acht lassen, dass Gott der Herr der Gerechtigkeit ist und das Interesse seiner Gläubigen vor dasjenige der Welt stellt (so z.B. Gal. 6,10).

Festzuhalten ist zunächst, dass zwischen Vergeben und Vergessen ein grosser Unterschied besteht. Röm. 12,18 fordert uns dazu auf, mit jedermann in Frieden zu leben, soweit es an uns liegt. Gerade der letzte Teil geht gerne vergessen. Vergebung heisst Sünde nicht gut und wer dem Schuldigen sagt, dieser sei im Recht, wird zurecht verwünscht (Sprüche 24,24). Die gerade zitierte Stelle im Römerbrief verweist denn auch nicht ohne Grund auf Sprüche 25,22, wonach man mit Vergebung seinem Feind „feurige Kohlen auf sein Haupt häufen“ werde. Dies zeigt eindeutig, dass Vergebung primär dem Vergebenden hilft und nicht demjenigen, der Vergebung empfängt. Vergebung ist also in erster Linie ein Instrument der befreienden Seelenreinigung, das Gott seinen Gläubigen zur Verfügung stellt, damit diese Bitterkeit vermeiden können. Diese Vergebung beschämt das Gegenüber und kann, muss aber nicht, auch bei diesem Positives bewirken. Wo dies nicht geschieht, ist die Sache nicht einfach erledigt. Vielmehr besteht nun die Basis dafür, emotional neutral seine berechtigten Interessen zu verfolgen. Klein beigeben wäre viel eher Sünde, da das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit ist.

Auch der Umstand, dass Gott Richter über alle Welt ist, bedeutet keineswegs, dass dies nur fürs Jenseits gilt (vgl. Psalm 58). Im Alten Testament wurden unzählige gottesfürchtige Richter gewählt, welche als „Männer nach dem Herzen Gottes“ bezeichnet wurden. Röm. 13 setzt sodann auch neutestamentlich eine weltliche Richtgewalt ohne Weiteres voraus. Und auch Paulus beanspruchte weltliche Gerichte, ohne dass dies ein Problem darstellte. Die Apostelgeschichte enthält über weite Strecken Verteidigungsreden von Christen gegenüber der weltlichen Obrigkeit. „Sie werden schon wissen, was sie tun“, hat keine der betroffenen Personen gesagt, wie man z.B. an der längsten neutestamentlichen Rede, der Verteidigungsrede des Stephanus, vor Gericht sieht, welche letztlich auch zu einer Anklage gegen das Gerichtspersonal wurde und entsprechend Unmut auslöste (Apg. 7, 1-54). Daran sieht man zumindest für das Straf- und Verwaltungsrecht, bei welchen man meist den Staat als unpersönliches Gebilde auf der Gegenseite hat, dass eine Staatsgläubigkeit keinerlei biblischen Rückhalt hat. Vielmehr ist Staatsskepsis oberste christliche Bürgerpflicht, denn wer kann durch seinen biblischen Statthalterauftrag besser dazu beitragen, dass die weltliche Obrigkeit ihre Macht nicht missbraucht, wenn nicht Gottes Volk selbst?

Davon zentral unterscheidet sich schliesslich das Privatrecht, in dessen Rahmen man stets einem Mitbürger gegenübersteht. Klar ist zunächst, dass sich 1. Kor. 6 ausschliesslich auf Rechtssachen unter Christen bezieht, welche nicht vor weltlichen Gerichten auszutragen sind (wobei Matth, 18,17/1. Kor. 5,13 bei Unbelehrbarkeit und Verharren in bewusster Sünde selbst hier Ausnahmen zulassen und damit Rechtsschritte eines Christen selbst gegen Glaubensgeschwister ausdrücklich legitimieren). Doch wie ist es mit dem Hinhalten der anderen Wange? Meines Erachtens sind wir hier wieder am Anfang, denn es hat nie etwas mit Liebe zu tun, den Ungerechten im Irrglauben zu lassen, sein Verhalten sei richtig (Sprüche 24,24 eben). Es handelt sich dabei ausdrücklich nicht um eine Aufforderung zur Allversöhnung, denn die Bergpredigt dient nicht dazu, nur ein Jota biblischer Normen – mit Ausnahme der Zeremonialgesetze – aufzuheben (Matth. 5,18). Klar: Es wäre sehr einfach, zu sagen, man müsse die Bergpredigt generell mit Vorsicht geniessen, da sie sehr gleichnishaft sei. Dennoch: Eine Verallgemeinerung gewisser Aussagen (die sich jeweils explizit nur auf einzelne Bibelstellen des AT beziehen) wäre fatal. In Erwägung, dass die Stelle mit der anderen Wange sich explizit auf das alttestamentarische Talionsprinzip („Auge um Auge, Zahn um Zahn“) bezieht, steht fest, dass es hierbei einzig und allein um ein Verbot der Privatrache geht und sich damit nur gegen bereits abgeschlossene Rechtsverletzungen richtet, was jedoch auch bereits alttestamentlich war, da man sich bereits vor Jesu Zeiten nicht am Leid des Gegners freuen sollte (Sprüche 24,17). Eine anders geartete Auffassung spräche zwingend für eine Unvollkommenheit der Bibel, da sie einen unauflöslichen Widerspruch zu anderen Stellen (auch und gerade des NT) wie der Tempelreinigung sowie diversen weiteren hier thematisierten Beispielen schaffte, denn aus diesen geht klar hervor, dass Jesus dort nicht einfach die unberechtigten Forderungen seiner Mitmenschen erfüllt, sondern sich diesen – er ist Löwe und Lamm zugleich – entschieden widersetzt hat. Und er fordert von uns nie mehr, als dass er selber vorgelebt hat. Für a) gegenwärtige Angriffe ist damit ein Notwehrrecht ohne Weiteres zu bejahen, zumal man sich auch nach Bergpredigt so verhalten soll, wie man es sich von seinen Nächsten wünschen würde (Lk. 6,31) und der Schreibende keinen ernstzunehmenden Menschen kennt, der nicht Freude daran hätte, wenn sein Nächster einen in flagranti ertappten Einbrecher auf dessen Grundstück nicht als Akt der Nächstenliebe mit Gewalt stoppen würde. Zudem liegt damit b) bei Gerichtsverfahren per se keine Privatrache vor, da die weltliche Gerichtsbarkeit verlängerter Arm zur Durchsetzung von Gottes Gerechtigkeit auf Erden ist (Röm. 13,4). Goldwert ist nach Auffassung des Autors dieser Zeilen die Unterscheidung in Sprüche 25, 8-9: Darin fordert uns die Bibel sogar ausdrücklich auf, die Rechtssache mit dem Nächsten auszutragen. Dies jedoch, ohne Geheimnisse unnötig preiszugeben oder zu schnell zum Gericht zu laufen (so fürs NT auch Lk. 12,58, worin es ausdrücklich legitim ist, mit "der Gegenpartei vor die Obrigkeit zu gehen", sofern man darum bemüht ist, den Konflikt bereits vorher aussergerichtlich zu klären, d.h. durch beidseitigen Kompromiss statt Urteil und nicht Selbstjustiz, wobei der Druck mit Rechtsmitteln und sonstigen rechtlich oder biblisch legitimen Vorgehensweisen, auch wenn er immens sein mag, nie als Selbstjustiz zu qualifizieren ist). Dieser Grundsatz ist in der schweizerischen Zivilprozessordnung (ZPO) überaus verankert. In den meisten Fällen hat dem eigentlichen Gerichtsverfahren ein Schlichtungsverfahren vor dem (nicht allzu juristisch geprägten) Friedensrichter vorauszugehen. Diese neutrale Vermittlung vermag statistisch gesehen 70% der Fälle bereits durch eine Einigung zu erledigen. Damit sehe ich unter der heutigen Rechtslage die vorgenannten Verse (Sprüche 25,8-9/Lk. 12,58) bereits im weltlichen Recht verwirklicht: Ist die Gegenseite einsichtig und einigungsbereit, wird mit grösster Wahrscheinlichkeit eine Einigung ohne langes Gerichtsprozedere möglich sein und hier sind insbesondere wir Christen gefordert, nicht unnötig im Weg zu stehen. Besteht keinerlei Vergleichsbereitschaft, so kann demgegenüber in aller Regel besten Gewissens angenommen werden, die Gegenseite verharre in bewusster Sünde, womit ein Dranbleiben als Zeichen des Gerechtigkeitswillens sogar gebotener scheint als Rechtsverzicht, denn solche Zeitgenossen dürfen zwar einen gewissen Grundrespekt, nie aber Verständnis für ihr Handeln erwarten. Schliesslich tat auch Jesus selbst in seiner Heimatstadt wegen dem Unglauben der Leute bewusst keine Wunder (Matth, 13,58), was zeigt, dass biblische Liebe nur zu geben bereit sein darf, wenn auch die Gegenseite eigenverantwortlich ihren Teil beiträgt, was ein allzu einseitiges Gnadenevangelium regelmässig ausblendet. Ein schlechtes Gewissen, um nicht absolut notwendige Geldbeträge zu streiten, braucht man im Übrigen nicht zu haben, denn auch hier gilt Röm. 2,11: Gott richtet ohne Ansehen der Person oder sozialistische Umverteilung, denn er ist es auch, der den Menschen zutiefst individuell geschaffen hat. Er freut sich am Eigentum all derjenigen, die es sorgsam in Seinem Sinne verwalten.

Der Autor dieser Zeilen hofft, damit mit gängigen Missverständnissen aufgeräumt zu haben. Natürlich soll nicht zu unnötigem Streit animiert, zugleich doch aber darauf hingewiesen werden, dass aus biblischer Sicht Staatsskepsis und ein Hinterfragen der Obrigkeit oberste Bürgerpflicht sind und auch unter Mitbürgern nicht jeder gerichtliche Konflikt verwerflich ist. Zu berücksichtigen ist denn auch, dass der Rechtsstaat die Kultur der Selbstjustiz überwunden hat. Also sollten wir diesem nicht unnötig skeptisch gegenüberstehen. Und last but not least kann ein Rechtsverfahren auch eine Prüfung der eigenen Geduld und emotionalen Distanz sein, welche man sonst nicht gemacht hätte. Charakterliche Reifung und eine Reinigung der eigenen Seele sollen schliesslich nur im Notfall seelsorgerlich geschehen. Rechtsverfolgung baut demgegenüber Stress bereits präventiv ab und sorgt vielfach dafür, dass Bitterkeit erst gar nicht aufkommt. Und weltliche Verhaltensweisen sind ja erst dann schlecht, wenn sie klar gegen biblische Gebote verstossen oder uns sonstwie beherrschen (1.Kor. 6,12). Dies gilt für das Rechtsverfahren vor Gericht nicht weniger wie für Reichtum, Kleidung, Nahrung, die stilvoll genossene Zigarre oder jede andere Sache auch. Denn der Herr liebt das Recht (Jes. 61,8) und möchte, dass wir Witwen und Waisen zu deren Recht verhelfen (Jes. 1,17). Es gilt damit umso mehr, den Kampf für Gerechtigkeit als Akt der Selbst- und Nächstenliebe in einer verlorenen Welt zu betrachten. Denn die Liebe freut sich nicht an der Ungerechtigkeit, sondern der Wahrheit (1.Kor. 13,6). Die Waffenrüstung für den guten Kampf ist uns jedenfalls verheissen (Eph. 6).

Autorangaben

Artur Terekhov ist Student der Rechtswissenschaften sowie selbstständiger Rechts- und Steuerberater. Er wohnt in Oberengstringen. (Inspiration für vorliegenden Kommentar bildete über weite Strecken der empfehlenswerte Essay „Darf ein Christ vor Gericht gehen?“ des deutschen Theologen Thomas Schirrmacher, aufzufinden in: Textband 7 – Ergänzungen zur Ethik, Martin Bucer Seminar, 1. Aufl., 2004.)