Mit Digitalisierung zu pathologisierter Gesellschaft?

Bund, Kantone und Bildungsverantwortliche treiben die Digitalisierung voran. Die Angst, im Wettbewerb den Anschluss zu verpassen und nicht zuvorderst dabei zu sein, scheint blind für verheerende negative Begleiterscheinungen zu machen. Ein Beitrag zur Problematik einer übermässig digitalisierten Bildung.

Es heisst: Um im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben, müssten Grundschulkinder – ja sogar Kindergartenkinder – dringend Programmieren lernen. Entsprechend soll kein Geld gescheut werden, um Schulen mit entsprechenden Geräten aufzurüsten. Auch die LehrerInnen müssen nachgebildet werden. IT-Firmen und die Wirtschaft dienen als Berater. Die persönlichen Daten aus Facebook, Google und Twitter – sowie Lernprogrammen – für Big-Data-Analysen werden nicht zufällig als Gold des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Verwertbares Verhalten für die Wirtschaft wird zum Ziel. Dabei bekannte Andreas Schleicher, der Chef der Pisa-Studien: „Wir müssen es als Realität betrachten, dass Technologie in unseren Schulen mehr schadet als nützt.“ In der Schule von Morgen könnte das „soziale“ Gegenüber ein von Algorithmen gesteuerter sprechender Bildschirm werden.

Noch wird Kritikern und Warnern kaum Gehör geschenkt. Zu diesen gehören unter anderem Deutsche wie der Professor für Medienpädagogik Edwin Hübner, der pensionierte Pädagoge Peter Hensinger, der deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer, der Philosoph und Pädagoge Matthias Burchardt, der Philologe und Kunstpädagoge Ralf Lankau sowie die Neurobiologin Gertraud Teuchert-Noodt. Letztere ist überzeugt: „Erstmals in der Menschheitsgeschichte wird uns durch die Digitalisierung die für Denkprozesse absolut notwendige neuronale Grundlage streitig gemacht.“ Der US-amerikanische Psychologieprofessor Larry Rosen fasst die zahlreichen Nebenwirkungen übermässigen Medienkonsums – auch im Erwachsenenalter – unter dem Begriff „iDisorder“ wie folgt zusammen: Zwangshandlungen, wie das ständige Starren aufs Smartphone, Angstzustände bei Abwesenheit digitaler Geräte, Enthemmung in der virtuellen Kommunikation, ausgeprägter Narzissmus in der Selbstdarstellung, Aufmerksamkeitsstörungen, beeinträchtigtes Durchhaltevermögen, Empathieverlust und Einsamkeit.

Zwei brandaktuelle Studien (BMBF 2017 sowie BLIKK-Studie 2017) zeigen auf, dass bei etwa der Hälfte der Grundschulkinder schulische Entwicklungsstörungen wie Lese-, Rechtschreib- oder Rechenstörungen diagnostiziert werden. Mit einher gehen als Folge der frühen Nutzung digitaler Medien Sprachentwicklungs- oder Konzentrationsstörungen, körperliche Hyperaktivität, innere Unruhe bis hin zu aggressivem Verhalten. Schon Säuglinge leiden unter Essens- und Einschlafstörungen, wenn sich die Eltern während der Betreuung des Kindes mit digitalen Medien beschäftigen. Weitere aktuelle Studien der Krankenkassen AOK, DAK und Barmer führen bei Kindern und Jugendlichen den massiven Anstieg von Burnout, Kopfschmerzen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen mitunter auf die Nutzung digitaler Medien zurück.

Gertraud Teuchert-Noodt weiss aus der Hirnforschung, dass reichhaltige Bewegungsaktivitäten in den Kinderjahren unverzichtbar sind für die Reifung mentaler Funktionen. Es müssen reale Erfahrungen mit allen Sinnen in Raum und Zeit im Gehirn verankert werden können. Ohne diese Stimulanzien können sich Verschaltungen in den motorischen und den nachgeschalteten Hirnregionen nicht normal ausbilden. Eine zwanzig Jahre dauernde Reifung und zunehmende Differenzierung der Nervennetze im Kortex kann nicht verkürzt werden und findet auch insbesondere durch Schreiben, Rechnen und Lesen statt. Bestimmen nun aber Computer und Tablets das Lernen, komme es durch neuronale Überaktivierung zu einer Notreifung im Gehirn, die zeitlebens das Denken behindert. Neben der Suchtgefahr können das Denken sowie das Erinnerungsvermögen nicht digital eingeimpft werden. Genetische und epigenetische Regelmechanismen, die wie ein Uhrwerk ineinander greifen und umweltbezogen funktionalisiert werden, sprechen nicht auf Medien an. Deshalb ist das allwissende Smartphone kein Ersatz für anzueignendes Wissen. Erst durch aktive und wiederholte Kopfarbeit aufgenommene Lerninhalte schulen Wachheit, Neugierde, kreatives Denken und Bewusstsein. Nur Wissen schafft Bewusstsein und mehr Wissen erweitert es. Erst ab der Adoleszenz kann eine Person eine Sucht bewusst verhindern und sinnbezogen mit Medien umgehen. Nach Teuchert-Noodt bleibt aus hirnphysiologischer Sicht das Leben digitalisierter Kinder zeitlebens doppelt gefährdet: Das Stirnhirn wird entmündigt durch das regieführende Belohnungssystem. Nur eine grösstmögliche Eigenaktivierung des Grosshirns vollbringe geistige Leistung. Deshalb rät Teuchert-Noodt, das Gehirn mehr zu benutzen als das Handy und das Navi.

Aufklärung der Politiker, Bildungsverantwortlichen und Eltern ist dringend! Einer IT-Bildungsoffensive an den Grundschulen muss mit Vehemenz entgegengetreten werden. Kinder brauchen die volle Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern für ein gesundes Aufwachsen. Damit verbunden sind Vorlesen, gemeinsame Spiele, viel Austausch der Gedanken und Empfindungen sowie vielfältige Aktivitäten und Erfahrungen draussen in der Natur. Genauso braucht es an den Schulen eine Rückbesinnung auf Bewährtes, wenn Kinder weiterhin zu selbstbestimmten Persönlichkeiten mit kritischer Urteilsfähigkeit heranwachsen sollen, welche gesellschaftliche Entwicklungen verantwortlich mitgestalten können.

Autorangaben

Lisa Leisi ist Familienfrau und wohnt in Dietfurt. Sie ist Präsidentin der EDU Kt. SG. (Eine gekürzte Version dieses Beitrags wurde auch im EDU Standpunkt, Ausgabe Dez. 2017 veröffentlicht.)