Bruder Klaus: Hat er nun gegessen oder nicht?

Vor 600 Jahren wurde Niklaus von Flüe (1417-1487) geboren. Landauf und landab gedenkt man im Jubiläumsjahr 2017 des Einsiedlers vom Ranft. Veranstaltungen in Hülle und Fülle werden abgehalten, vorliegend aber Gedanken über den Bereich der diversen Events hinaus präsentiert.

Die Agenda der Gedenkanlässe zeigt, dass sich die Veranstaltungen primär mit dem Wirken des Eremiten befassen. Man gedenkt des Mystikers, des Visionärs, des selbstlosen Beters und Menschenfreunds, des politischen Beraters und Friedensstifters. So feiert man einen ausserordentlichen Menschen, dessen Vorbild es in aktuellen politischen, sozialen und kirchlichen Herausforderungen nachzuahmen gilt. Das ist zweifellos löblich. Unsere Gesellschaft profitiert davon, wenn Menschen sich bemühen, friedlich, fromm und anteilnehmend zu leben. Doch wird man Bruder Klaus gerecht, wenn die Jubiläumsfeiern die Frage nach dessen «Wunderfasten» geflissentlich umgehen? Natürlich stellten schon die Zeitgenossen von Bruder Klaus kritische Fragen. Dass sich da ein Laie plötzlich als «Heiliger» gebärdet, löste Irritationen aus. Niklaus war ja eine allseits bekannte Person in Obwalden. Hochangesehener Bauer mit zehn Kindern, ehemaliger Soldat, Richter und Ratsherr, dem man schon in jungen Jahren vergeblich das Amt des Landammans angetragen hatte. Dann trennt sich Klaus als Fünfzigjähriger von seiner Familie und verkriecht sich einige hundert Meter von seinem Wohnhaus entfernt im Wald. Als Jäger ihn finden, geht die Kunde von seiner Nahrungslosigkeit schnell ins Land. Ein Heiliger, der nicht isst und trinkt, das muss man gesehen haben! Bald pilgern erste Besucher in den Ranft, um Bruder Klaus zu treffen.

Der Obwaldner Rat wollte keinem frommen Betrug aufsitzen und veranlasste eine Prüfung des Sachverhalts. Heinrich Wölflin (1470-1532) berichtet 1501: «So wurden denn durch Ratsbeschluss Wachtmänner aufgestellt. Die ganze Ranftschlucht wurde peinlichst überschaut, damit kein Mensch weder zu ihm noch von dem Diener Gottes gelangen konnte. Durch einen ganzen Monat wurde die Wacht mit grosser Strenge durchgeführt. Man fand auch nicht das Kleinste, was eitle Prahlerei oder religiöse Heuchelei verraten hätte.» Auch die Kirche war nicht bereit, den Laien Niklaus von Flüe ungesehen als Heiligen durchgehen zu lassen. Der Einsiedler wurde durch den Weihbischof von Konstanz inquisitorisch geprüft. Nachdem der Bischof befand, die Nahrungslosigkeit sei echt, verbreitete sich der Ruf des Bruders Klaus noch schneller im ganzen Land und weit darüber hinaus. Er wurde zur grossen Sensation seiner Zeit. Scharen von Besuchern strömten in den Ranft. Der Ansturm war so gross, dass die Obrigkeit die Besuchszeiten dann und wann einschränken musste.

Nicht nur als Asket, auch als Seelsorger und politischer Ratgeber erlangte Bruder Klaus weit ausstrahlende Berühmtheit. Schuldbeladene und Gottessucher wollten mit ihm sprechen. Die Regierungen von Bern, Luzern, Solothurn, Konstanz, ja sogar die Herzöge von Österreich und Mailand haben Bruder Klaus mehrfach als politischen Berater in Anspruch genommen. Zum Landesvater wurde er, als er 1481 die Schweiz in hochexplosiver Zeit vor einem Bürgerkrieg bewahrte. Sein langjähriger Freund, Heyni Amgrund (1449-1493), Pfarrer in Stans, überbrachte den verfeindeten Städten und Landorten den Friedensapell des Einsiedlers im Ranft. Am 22. Dezember 1481 läuteten die Friedensglocken im ganzen Land. Den heimkehrenden Abgeordneten der Tagsatzung wurde gemäss Protokoll aufgetragen, zu Hause zu erzählen, welche «Treu, Müh und Arbeit der fromme Mann Bruder Klaus in diesen Dingen getan hat.»

Die Quellen der damaligen Zeit lassen keinen Zweifel: die Anziehungskraft des Bruder Klaus begründete sich in seiner Nahrungslosigkeit. Nicht seine mystischen Visionen und auch nicht seine hilfreichen Ratschläge lockten die Menschen anfänglich in den Ranft. Die Menschen kamen in Scharen, weil sie von der übernatürlichen Wirksamkeit Gottes im Leben des Eremiten gehört hatten. Seinem Freund Heyni Amgrund berichtete Bruder Klaus über die Ursache seines Fastens: nachdem er 1467 seine Familie verlassen habe, «wäre ein Glanz und ein Schein vom Himmel gekommen; der hätte ihm am Bauche aufgetan, wovon ihm so weh wurde, als ob ihn einer mit einem Messer aufgehauen hätte.» Nach diesem Erleben hat gemäss dem Sachsler Kirchenbuch das fast 20-jährige Fasten begonnen. Im Sachsler Kirchenbuch sammelte Pfr. Walther Toub ab 1488 u.a. persönliche Berichte von nahen Verwandten und Bekannten von Bruder Klaus. Am unmittelbarsten berichteten zwei Söhne (einer davon Landammann in Obwalden), sodann zwei Jugendfreunde von Niklaus und die beiden Pfarrherren Oswald Yssner (Kerns OW) und Heyni Amgrund (Stans NW). Aufgrund dieser Berichte und einer Vielzahl von persönlichen Gesprächen veröffentlichte Heinrich Wölflin im Jahre 1501 im Auftrag der Obwaldner Regierung die erste Biografie über den wundersamen Einsiedler.

Natürlich steht es jedem frei, die Nahrungslosigkeit des Niklaus von Flüe als Wunder zu deuten oder als fromme Legende abzutun. Dass sich die Organisatoren der Jubiläumsanlässe entschieden haben, die zentrale Frage möglichst unangetastet zu lassen, ist bedauerlich. Gewiss, Wunder (und dann noch christlicher Prägung) sind ein sperriges Thema. Doch einfach der Sprachlosigkeit zu verfallen, ist kein Bravourstück. Veranstalter, die 2017 eines radikal mutigen Menschen wie Bruder Klaus gedenken, hätten diesbezüglich durchaus mehr Mut an den Tag legen können. Hat er nun gegessen oder nicht?

Autorangaben

Daniel Regli, Dr. phil., Kulturhistoriker, ist SVP-Gemeinderat der Stadt Zürich, gläubiger Christ und Hauptorganisator des „Marsch fürs Läbe“. (Gekürzte Erstveröffentlichung des vorliegenden Artikels siehe „Schweizerzeit“ vom 28.04.2017.)